BERLIN – MEINE WUNDERKAMMER

BERLIN – MEINE WUNDERKAMMER

ARAM BARTHOLL

SIMON BIGGS

LAURENCE GARTEL

LYNN HERSHMANN LEESON

MANFRED MOHR

VERA MOLNAR

FRIEDER NAKE

THE YES MEN

FLAVIEN THERY

UBERMORGEN

NORMAN WHITE

U.A.

1. DEZEMBER 2012 – 13. FEBRUAR 2013

Eröffnung: Freitag, 30. November 2012, 19 – 21 Uhr

Zahlreiche öffentliche und private Sammlungen werben in letzter Zeit mit der Öffnung ihrer „Wunderkammern“. Die DAM GALLERY spielt mit der Sonderausstellung „Meine Wunderkammer“ ironisch auf diese Form des kuratorischen Zeitvertreibes an. Bei der gezeigten Auswahl geht es dabei weniger um antike Fundstücke, sondern um eine subjektive Entdeckungsreise des Galeristen durch kuriose und exotische Positionen im Interessenfeld der Galerie. Die Gruppenausstellung zeigt verschiedenartige Objekte – von einem Originalscheck der Roberta Breitmore, dem Alter Ego der Medienkunstpionierin Lynn Hershman Leeson, bis hin zur Sandstein-Computerskulptur „Case Mod I“ von Aram Bartholl.

Ausgestellte Kunstwerke:
Aram Bartholl (*1972) lässt in der Skulptur „Case Mod I“ (2004) einen PC (DELL 386 DX40) aus dem Anfang der 90er Jahre und einen 40 kg schweren Elbsandstein kollidieren. In der Computerszene bezeichnet das „Case Modding“ die optische Veränderung von PC-Gehäusen unter gestalterisch-künstlerischen Aspekten. Aram Bartholl wählt für seinen Case Mod eines mittlerweile antiquierten PC-Modells einen Sandstein und versetzt den Computer abermals zeitlich zurück. Die einzelnen Komponenten des Rechners wurden vom Künstler an den verschiedenen Seiten des quaderförmigen Steins eingelassen, bleiben aber sichtbar. Innerhalb des Steines sind die Computerteile miteinander verbunden. Die Computer-Skulptur „Case Mod I“ ist somit voll funktionsfähig.

Simon Biggs (*1957) wurde seit Beginn der 90er Jahre durch seine überdimensional großen, interaktiven Installationen bekannt. Er war einer der ersten Künstler, der seine Netzkunstarbeiten auf einer Website zur Verfügung stellte und 2000 eine CD-ROM mit interaktiven Software-Arbeiten in großer Auflage im Buchhandel veröffentlicht hat. „Book of Shadows“ (1998) ist eine ebensolche interaktive Arbeit, die in fesselnden Videobildern und Animationen Themen der Metaphysik und Identität verknüpft. Während im Hintergrund ornamentale Bildcollagen des menschlichen Körpers ablaufen, erscheint im Vordergrund der Arbeit ein poetischer Text, der den Betrachter nach seinem Bewusstsein fragt.

Das Ölgemälde des britischen Malers Patrick Fitzgerald Moore ist das erste von Wolf Lieser erworbene Kunstwerk. Anfang der 1980er Jahre lernte Lieser den Künstler in Großbritannien kennen und fand gefallen am romantischen Motiv eines am Morgen ablegenden Segelschiffes. Das Entstehungsjahr der Arbeit ohne Titel ist unbekannt.
Aus einer Begegnung mit Laurence Gartel (*1956) entstand 1987 einst die Faszination von Wolf Lieser für die Digitale Kunst. Am Strand von Florida zeigte ihm der US-Künstler seine am Commodore-Computer erstellten und per Farbdrucker ausgegebenen Grafiken. Der Inkjet-Print „Energy Man“ ist somit das erste erworbene Werk der später gegründeten Galerie. Der ausgebildete Grafiker Gartel speiste eigene Fotografien in die Grafik-Software seines Computers ein und erstellte daraus poppige Collagen, die er an den Druckern der University of Florida auf Spezialpapier drucken konnte. „Energy Man“ zeigt eine stehende Figur neben einem Farbband, dessen schwarze Silhouette mit abstrakten Markierungen farblich akzentuiert wird.

In den 1970er Jahren kreierte Lynn Hershman Leeson (*1941) die fiktive Identität der „Roberta Breitmore“, die durch die Künstlerin und später durch 3 weitere Schauspielerinnen verkörpert wurde. Während einer Langzeit-Performance (1970-1979) ließ die Künstlerin ihre Kunstfigur durch eine eigene Biografie, eigene Vorlieben und Bekanntschaften sowie mit einer eigenen Handschrift, eigenem Aussehen und Wohnort in San Francisco auftreten. Roberta Breitmore nahm an Sitzungen der Weight Watchers teil, schaltete Zeitungsannoncen zur Suche eines Mitbewohners und eröffnete ein Konto. Hershmann Leesons Alter Ego kann als ein Vorläufer der virtuellen Identität und Avatare gesehen werden. Das ausgestellte Objekt ist ein Original-Scheck, der die Unterschrift von Roberta Breitmore trägt.
Manfred Mohrs (*1938) künstlerisches Schaffen wurde Anfang der 1960er Jahre maßgeblich durch die Theorie der Informationsästhetik von Max Bense beeinflusst. Mohr, der zuvor abstrakt expressionistisch arbeitete, wandte sich daraufhin der computergenerierten algorithmischen geometrischen Form zu. Seit 1973 ist der Würfel zentrales Motiv in Mohrs Computergrafiken. Die gezeigte Arbeit P777-3 55 entstand als besondere Edition im Rahmen der Publikation des |DDAA|-Kataloges anlässlich seiner Ausstellung in der Kunsthalle Bremen.

The ungarische Künstlerin Vera Molnar (*1924) zählt zu den Pionieren der Computerkunst. Nach einem Studium der Kunstgeschichte und Ästhetik in Budapest zog die Künstlerin 1947 nach Paris wo sie seitdem lebt und arbeitet. Molnar begann dort ab 1968 mit dem Computer zu arbeiten und erstellte Plottenzeichnungen von denen die drei ersten Exemplare zu sehen sind.

Frieder Nake (*1938) gehört zu den Gründungsvätern der digitalen Computergrafik, der als einer der Ersten mathematische Prozesse zur Produktion von ästhetischen Objekten verwendete. Der fünffarbige Siebdruck einer Plotterzeichnung „Walk-Through-Raster (Serie 7.3)“ ist Teil einer 1966 begonnenen Werkserie. Aus einem beliebig vorgegebenen Zeichenrepertoire werden nach komplexen Wahrscheinlichkeiten einzelne Zeichen ausgewählt und auf eine Zeichenfläche ausgegeben. Der Siebdruck aus dem Jahr 1972 entstammt dem Portfolio „Ars Ex Machina“, das 6 Siebdrucke von Computerzeichungen der Künstler Mohr, Nees, Kawano, Nake, Knowlton und Schwartz enthält.

The Yes Men sind die beiden Netzkunstaktivisten Jacques Servin und Igor Vamos. Seit Beginn der 90er Jahre schaffen sie mit dem gezielten Einsatz von Massenmedien Aufmerksamkeit für soziale Probleme. In 2008 täuschten sie die Öffentlichkeit mit einer 1,2 Millionen Auflage der New York Times, die auf den 4. Juli 2009 datiert ist. In der gefälschte Ausgabe, die sie in New York und Los Angeles verteilten, publizierten sie ihre Ideen für eine bessere Zukunft in Schlagzeilen wie „Irakkrieg zu Ende“ und „George W. Bush zeigt sich selbst auf Hochverrat wegen seiner Taten innerhalb Präsidentschaftszeit an.“

Der Licht-Künstler Flavien Théry (*1973) lässt in dem Video-Objekt „Les contraires“ (2010) weißes Licht auf einen transparenten Bildschirm mit Flüssigkristallen fallen. Die Kristalle brechen das Licht wie ein Prisma in ein räumlich wirkendes Farbspektrum. Zu sehen sind jedoch 2 verschiedene Farbinformationen: Einerseits die Lichtinformationen des Bildschirms, andererseits die reflektierten Lichtinformationen eines Spiegels, der sich hinter dem Bildschirm befindet. „Les contraires“ irritiert die natürliche Wahrnehmungssituation und weist darauf hin welch unterschiedliche Bedeutung ein und dieselbe Information liefern kann.
Das 1995 gegründete Medienkunstduo UBERMORGEN.COM zeigt ein Objet trouvé aus dem zerbombten RTS TV-Studio von Prishtina/Kosovo. Hans Bernhard war mit seiner Partnerin lizvlx 1999 zwei Wochen nach der Bombardierung der Stadt vor einer Ruine auf eine stark beschädigte Computer-Platine gestoßen. Das Objekt ist Kind der Net.Art Periode Ende der 90er Jahre. Gefunden im letzten Jahr des auslaufenden Millenniums, kurz vor dem Boom-Crash und dem daraus sich ergebenden Paradigmenwechsel in der digitalen Kunst, repräsentiert es als gezeichnetes physisches Objekt den Paradigmenwechsel von der rein kybernetischen und digitalen Hysterie zur Mischform Mensch-Maschine-Netzwerk.

Die ausgestellte Fotografie „Them Fuckin’ Robots/male robot“ von Norman White ist im Kontext seiner Zusammenarbeit mit der Künstlerin Laura Kikauka entstanden. Beide Künstler hatten 1988 unabhängig voneinander einen männlichen und einen weiblichen Roboter konstruiert, deren einzige Funktion der Geschlechtsverkehr sein sollte, den beide Maschinen dann auch in einer öffentlichen Performance vollzogen. Die Fotografie zeigt neben dem männlichen Roboter den Künstler selbst in seinem Atelier in einer humoristischen Pose. White, der als einer der ersten Vertreter der Roboterkunst gilt, studiert auf einem Sofa liegend eine Ausgabe des „Playboys“.